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"Im Schatten des Großherrn"
Im Jahr 2012 hielt Dr. Albrecht Götz von Olenhusen unter dem Titel "Im Schatten des Großherrn" vor der Arbeitsgemeinschaft für geschichtliche Landeskunde am Oberrhein e.V. einen Vortrag über Karl May (der Großherr) und dessen Verleger Friedrich Ernst Fehsenfeld. Nachfolgend kann man diesen in der Fassung einer Tonbandmitschrift des Vortrags und der Diskussion nachlesen:

Arbeitsgemeinschaft für geschichtliche Landeskunde am Oberrhein e.V.

(517.) Protokoll über die Arbeitssitzung am 13. Januar 2012

Anwesend: Axtmann, Gebhard, Karlsruhe; Balharek, Christa, Karlsruhe; Braun, Karlsruhe; Gilg, Johanna, Bruchsal; Götz von Olenhusen, Dr. Albrecht, Freiburg; Goldschmit, Johannes, Karlsruhe; Gutjahr, Rainer, Karlsruhe; Huth, Dr., Stutensee; Kolbinger, E.H., Karlsruhe; Kremer, Hans-Jürgen, Hagenbach, Lovenzen, Dr. Ebba, Würzburg; Lovenzen, G., Würzburg; Lüdke, Dr. Dietmar, Karlsruhe; Richter, Hans Jörg, Eggenstein; Roellecke, Elga, Karlsruhe; Schillinger Erich, Karlsruhe; Schmitt, Dr. Heinz, Karlsruhe; Schnappinger, Elisabeth, Karlsruhe; Schwarzmaier, Prof. Dr. Hansmartin, Karlsruhe; Schwarzmaier, Lore, Karlsruhe; Schwinge, Dr. Gerhard, Durmersheim; Siebenmorgen, Prof. Dr. Harald, Karlsruhe; Vogt, Dr. Hans-Jürgen, Karlsruhe.

Vortrag von Dr. Albrecht Götz von Olenhusen, Freiburg i.Br.

über

„Im Schatten des Großherrn“. Karl May und sein Verleger Friedrich Ernst Fehsenfeld, Freiburg i.Br.

I. Karl May und Ernst Friedrich Fehsenfeld: Autor und Verleger im literarischen Feld

Position und Habitus des Autors nach Arno Schmidt der letzte „Großmystiker“ der deutschen Literatur in seiner Beziehung zum Verlag Friedrich Ernst Fehsenfeld und zum Publikum sind das Thema dieser Darstellung. Das literarische Feld, in dem ein Autor wie Karl May in den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts und nach der Jahrhundertwende agierte, in seinen Relationen als Akteur zu anderen Akteuren und Institutionen in einen relativ autonomen Kräftefeld im Sinne Pierre Bourdieus und seiner Struktur darzustellen, ist angesichts der Komplexität des Feldes, seiner Wandlungen und der beteiligten Kräfte heute aufgrund der Archiv- und Forschungslage viel besser möglich. Um die Entwicklung der Beziehungen von Autor und Verleger und Aufstieg und Fall beider ab der Jahrhundertwende zu verstehen, ist ein Blick auf die Entwicklung von Autor und Verlag seit Ende der 80ger und Beginn der 90ger Jahre notwendig. Der Forschungsstand ist dank der May-Philologie, dank der Forschungen etwa von Claus Roxin, Jürgen Seul und durch eine Reihe von Editionen und May-Biografien besser als vor 30 Jahren. Der Verleger Friedrich Ernst Fehsenfeld steht jedoch immer noch allzu sehr im „Schatten des Großherrn“, um einen bekannten May'schen Titel der Orientromane zu zitieren. Ich versuche eine Skizze in zehn Schritten.

 

Der erfahrene, im Felde der Kolportage, der Jugend- und Familienperiodika arrivierte Schriftsteller mit seinen 50 Jahren und seinem „symbolischen Kapital“ trifft 1891 auf einen jungen Verleger und einen brandneuen, mit wenig Kapital und kaum einem Programm ausgewiesenen Unternehmer. Diese Verbindung ist ein Rätsel. Mit Spemann, Pustet, Benziger, Union DVA in Stuttgart und anderen Verlagen konnte es der Zwerg Fehsenfeld in dieser Zeit 1891/92 nicht im Entferntesten aufnehmen, selbst wenn er sozusagen auf den Schultern eines erzählerischen Riesen von großmannssüchtiger Egozentrik und fiktiver Heldenstatur stand. Die Gesamtauflagen der „Grünen Bände“ Fehsenfelds gehen vergleichsweise schnell in ungeahnte Höhen. Das ist auch rätselhaft und erklärungsbedürftig. Ein Verzeichnis des Stuttgarter Unternehmens, der Druckerei Hoffmann von Krais, vom 16.März 1899 zeigt die für diese Zeit exorbitanten Auflagenzahlen der immer auf 5.000 Stück pro Auflage festgelegten Fehsenfeldschen Auflagen und Buchausgaben:

 

II. Habitus und Honorare

In diesem Zeitraum verdiente May nur bei Fehsenfeld insgesamt 440.670,00 Mark. Hinzu kamen Honorare von Pustet, Union und einigen anderen Verlagen.

Zum Vergleich:

5 – 6.000 pro Jahr waren in den neunziger Jahren schätzungsweise das Jahresgehalt eines mittleren Beamten. Mays opulent ausgestattete Villa wie die sog. Villa Shatterhand in Radebeul kostete 1895 rund 37.000 Mark. May, der anfangs 1890/91 noch Schulden hatte und auf Vorschüsse Fehsenfelds angewiesen war, konnte seine Jahreseinkünfte binnen weniger Jahre vervielfachen. Er war binnen kürzester Frist nicht nur zu einem gefragten, sondern zu einem Bestsellerautor von Büchern, zu einem Star geworden, der zu Vorträgen gebeten, am bayerischen und habsburgischen Herrscherhaus empfangen und dem jegliche überbordende Fantasiestory, auch im persönlichen Gespräch auf seinen Rundreisen in Deutschland und Österreich abgenommen wurde. May hat das selbst im „Hausschatz“ 1896 in einem Stück, das „Freuden und Leiden eines Vielgelesenen“ betitelt war und alle Grenzen der exzentrischen Selbstbeweihräucherung sprengte, geschildert. Die literarische und wie schon immer zuvor christkatholisch grundierte Hochstapelei geriet hier zum Einbruch des orientalischen Märchens in die sächsische Heimatidylle – mit dramatischen Konsequenzen drei Jahre später.

Der Starrummel kannte seit etwa 1895 noch nicht da gewesene Ausmaße. Autor und Verleger waren werden beispiellos kurzer Zeit reiche Leute.

 

III. Wandel der Positionen

Die Beziehung von Autor und Verlag wandelten sich. Der Autor erfolgreicher Geschichten in Zeitschriften wie die katholische „Der deutsche Hausschatz“ (Pustet) und „Von Fels zu Meer“ (Spemanns mit seinem protestantischen Jugendpublikum), war vom Zeitschriften-Autor, vom Geschichtenerzähler in Marienkalendern (Pustet, Regensburg) jetzt zu einem gefeierten Buchautor avanciert. Seine nicht mehr „Reise-Romane“, sondern „Reiseerzählungen“, welche die Identität von Erzähler und Kunstfigur in Text und Bild betonten, trafen auf ein aufnahmebereites Publikum bei Jugendlichen wie Erwachsenen. Mit dem „Sprung über die Vergangenheit“ – May hatte Jahre seines Lebens bekanntlich vor seiner Redakteurs- und Autorenzeit im Gefängnis und Zuchthaus verbracht – gelang mit Fehsenfeld der Sprung vom Kolportage- und Zeitschriftenautor zum Buchautor einer repräsentativen, auf bürgerliches Publikum zielenden Werkausgabe. Sie umfasste 1912 schließlich 30 Bände, in unterschiedlichen gebundenen und illustrierten Auflagen und Ausgaben. 1899 liegen schon 27 Bände von „Durch die Wüste“ bis „Auf fremden Pfaden“ vor. Die Gesamtauflage bei Fehsenfeld allein beläuft sich 1899 auf 617.150 Exemplare. Dank der May-Forschung weiß man heute viel genauer, in welcher Weise May geschickt und literarisch wirksam Reisebeschreibungen und Lexika als Plagiator geplündert und in spannende höchst erfolgreiche Geschichten verwandelt hat.

 

IV. Zäsur um 1899/1900: Von den Indianergeschichten zum symbolischen Spätwerk

Mit dem Jahre 1899 beginnt eine Zäsur. Sie charakterisiert auch die Veränderungen der Positionen Mays und des Verlegers im literarischen Feld, in diesem Unterfeld der kulturellen Produktion. Die „Gesammelten Reiseerzählungen“ standen zwar im Mittelpunkt des Verlages. Aber der Verlag versuchte zu diversifizieren: Er setzte auf englischsprachige Literatur: Lewis Wallace „Der Prinz von Indien“, Henry Rider Haggards „Das unerforschte Land“ und „Der Zauberer im Sululande“, „Die Schatzinsel“ von Robert Louis Stevenson, Kiplings (Im Dschungel =) „Dschungelbuch“, schließlich Kiplings „Wolfsblut“ erschienen in einer Reihe „Die Welt der Fahrten und Abenteuer“. Für das Verhältnis von Autor und Verlag ist charakteristisch, dass sich May erfolgreich gegen Fehsenfelds Plan wehrte, die Reihe auch in einer Ausstattung zu bringen, die den Mayschen Bänden entsprach. Mit Fehsenfelds Romansammlung, einer „Bibliothek zeitgenössischer Schriftsteller“ war es, 1900 begonnen, schon nach 24 Bänden binnen eines Jahres mangels Erfolgs der drittklassigen unbekannten Autoren schnell zu Ende. In der Belletristik versagte Fehsenfelds Instinkt.

 

Während May von Freiburg aus im Frühjahr 1899 zu einer großen Orientreise aufbricht – sie dauert bis Ende Juli 1900 – brauen sich Vorboten des Unheils zusammen. May will sichtlich jetzt durch eine große Reise in den Orient und angeblich auch in die USA – er schreibt hunderte von Postkarten an Leser und Redaktionen – seinen Anspruch, er habe seinen Erzählungen selbst erlebt, mit der Realität in scheinbare Deckung bringen. Mit Band 25 „Am Jenseits“ zeichnet sich schon literarisch das Neue ab. Seine Aussage: „Karl May…beginnt, mit seinen eigentlichen Absichten herauszurücken. Es handelt sich um eine wohlvorbereitete, großartige Bewegung auf religiös-ethisch-sozialem Gebiete…man (beginnt) nun auch endlich einzusehen, dass K. May keine Indianergeschichten, sondern „Predigten an die Völker“ schreibt“ (May an Fehsenfeld….).

Und 1900: „Alle meine bisherigen Bände sind n u r Einleitung, nur Vorbereitung.“ (May an Fehsenfeld, 10.9.1900).

Die vertrauten Figuren Old Shatterhand, Kara Ben Nemsi, Hadschi Halef Omar, Winnetou werden plötzlich in Werken des beginnenden symbolischen Spätwerks, das bei Arno Schmidt, Hans Wollschläger und anderen großen Beifall gefunden hat, in anderem Lichte und mit dem Anspruch auf religiöse-weltanschauliche Wahrheit dargestellt.

Die Werke sind, wie man weiß, nun zu großen Teilen bemerkenswerte Schlüsselromane. In ihnen treten Figuren aus Mays Biographie, Freunde, Begleiter, Gegner in orientalischen Gewändern auf. In „Am Jenseits“ findet der Leser plötzlich eine geradezu esoterische, spiritistische Atmosphäre, eine Mischung aus Swedenborg und anderen Ingredienzien der Theosophie und des Spiritismus wieder. Aber diesen Aspekt der Mayschen Biografie und seines okkultistisch geprägten Haushalts – May als Spiritist – befassen wir uns heute nicht. („Am Jenseits“ ist der Roman, der den frühen Walter Benjamin im Studienjahr in Freiburg, er schon damals ein Student der Dämonologie und Angelologie, intensiv beschäftigte.) Für das ungetrübte Verhältnis zu Fehsenfeld spricht, dass der freigeistige Fehsenfeld, Sohn eines liberalen 48ers, diese okkultistische Seite seines Autors großzügig überging, selbst wenn ihm May mitteilte, dass bei Seancen in der Villa wieder einmal Fehsenfelds Vater mit positiven Worten erschienen war oder wenn May meinte, dass seine Werke ihm von Engeln, die ihn ständig aus einem Zwischenreich zwischen Diesseits und Jenseits umschweben würden, eingegeben würden.

 

V. Im Kreuzfeuer: Katholische Publizistik. „Geborener“ Verbrecher

May, gegen den sich schon bald auf katholischer Seite Angriff mehrten, etwa durch Carl Muth, dann durch andere wie Pater Ansgar Pöllmann, die „Kölnische Volkszeitung“ mit Hermann Cardauns, gerät in ein Kreuzfeuer: Mays Werke werden allmählich immer stärker als jugendgefährdend, er selbst als literarisch anfechtbarer Nachfolger Münchhausens verteufelt. Die katholische Publizistik, anfangs von Mays christlich-germanischer Missionsarbeit bei indianischen Wilden und islamischen Heiden begeistert, wandelt sich. Mit der selbstschöpferischen Geburt des Reiseschriftstellers aus dem Geist der imperialistischen Rhetorik der Kaiserzeit wird May allmählich zu einer mehr und mehr kontroversen Figur: Er wird zu einem Skandal-„Fall“, zum negativen Paradigma. Der Schriftsteller, vom Straftäter um gefeierten Autor aus eigener Kraft sozusagen resozialisiert und in die bürgerliche Gesellschaft integriert, wird binnen kurzem literarisch und gesellschaftlich exkommuniziert. Währenddessen stilisiert er sich weiterhin als Vorkämpfer des wahren, des friedliebenden Christentums - freilich durchaus eigener Prägung. Die Legendenbildung um die Ich-Figur des Helden im Wilden Westen, des Kämpfers gegen den falschen Glauben und für die Höherwertigkeit des Christentums, der Kampf gegen die Kolportage, die Wirkungen der Schmutz- und Schunddebatte namentlich unter Pädagogen, die Enthüllungen über den früheren Zuchthäusler, den gar nicht katholischen, sondern protestantischen Sachsen, der noch nie seinen Fuß auf den Boden Amerikas oder Afrikas gesetzt hatte, kamen zusammen. Den Anfang machte während Mays Orientreise die Frankfurter Zeitung mit einer wochenlangen Polemik Fedor Mamroths, ihrem Feuilletonchef:

Hier verbinde sich süßlich-frömmelnde Propaganda für den wahren Glauben mit einem Kultus der Unwahrheit, mit gefährlichen Einflüssen auf die Jugend, gesunde Rohheit mit tendenziöser Verherrlichung des bigotten Christentums. Für Mamroth ist May keine erfreuliche Kulturerscheinung. Für den abwesenden Reisenden werfen sich nicht gerade geschickt Fehsenfeld und der Freund Plöhn, Ehemann von Mays späterer zweiter Frau Klara, in die Bresche. Das heizt die Kontroverse eher noch an. May wird zum Prototyp für gefährliche Jugendliteratur. In Auseinandersetzungen mit seinem früheren Verleger, dem Kolporteur Münchmeyer, wird kontrovers, dass er angeblich unsittliche Werke geschrieben habe. May bestreitet das. Gerichtliche Prozesse sind die Folge. May muss sich gegen den Vorwurf wehren, er habe früher sittenlose Werke, später aber scheinbar fromme, konfessionell ausgerichtete Bücher geschrieben, seinem Publikum immer etwas vorgeschwindelt und sich auf einem literarisch niedrigen Niveau zum Nachteil der gläubigen Jugend bewegt.

Der Abwehrkampf ist über Jahre hinweg von Auf und Ab, aber nach der Jahrhundertwende von einer Reihe von schweren Niederlagen geprägt. Das gilt für den Autor wie für den Verleger. Fehsenfeld ist von vornherein nicht von Mays neuer literarischer Sendung überzeugt. Er erhofft sich vergeblich erfolgreiche Reiseerzählungen nach früherer Machart. Und jetzt muss er Ende 1900 erst einmal einen lyrischen Sammelband „Himmelsgedanken“ verlegen. „Im Reiche des silbernen Löwen“, mit dem die neue symbolistische Schaffensperiode so richtig beginnt, kommt nicht an die früheren Bestseller heran. Und jetzt müssen auch Verteidigungsschriften verlegt werden: „Karl May als Erzieher, Die Wahrheit über Karl May, Die Gegner Karl Mays in ihrem eigenen Lichte von einem dankbaren Karl May-Leser.“ Hier schreibt im Jahre 1902 wieder May unter Pseudonym in eigener Sache.

 

VI. Freund und -Feind: Karl May – Sascha Schneider. Karl May- Rudolf Lebius

Mays Freundschaft mit dem Weimarer Künstler und Klinger-Schüler Sascha Schneider soll die „höhere Bewegung“ des Schriftstellers im Bilde beglaubigen. Die Werke sollen nach dem Wunsche Mays ein „höheres Aussehen“ bekommen: Einbanddecken als „Buchschmuck von so begnadeter Künstlerhand“ begeistern den Autor, weniger den Verleger. Die Mappe mit den Titelbildern geht ebenso wenig wie die entsprechend ausgestatteten Werkausgaben. Fehsenfeld schreibt an Sascha Schneider: May werde als Jugendschriftsteller betrachtet und als solcher gelesen. Mays Wunsch, als Bühnenautor zu reüssieren, scheitert. Sein Drama „Babel und Bibel“ wird weder aufgeführt noch ist es ein Bucherfolg. Fehsenfelds Situation ist nicht beneidenswert. Der Vertrag von 1895 verpflichtet ihn, jede neue Auflage schon voll zu honorieren, bevor ein Exemplar verkauft ist.

Seit 1904 tobte in der Öffentlichkeit eine weitere Kontroverse. Der ehemalige Sozialdemokrat, der jetzige Vertreter der gelben Gewerkschaften, Rudolph Lebius, entwickelt sich zu einem gefährlichen Gegner. Mit einer brisanten Mischung aus Enthüllung und Verleumdung gelingt es, in Prozessen und in einer Reihe von Zeitungs- und Buchpublikationen Mays Vergangenheit zu enthüllen. In zeitweiliger Kooperation mit Mays erster, seit 1902 geschiedener Frau Emma wird die Vergangenheit des Schriftstellers in die Öffentlichkeit getragen: Karl May wird als „geborener Verbrecher“ bezeichnet, seine frühen Delikte, seine Vorstrafen geraten ins Blickfeld. In rund 100 Prozessverfahren, die meisten nach 1900, sieht sich May, nicht ohne sein Zutun, verstrickt.

Fehsenfeld, seinem Autor treu, auch wenn er seine Wandlungen kaum oder nicht nachvollziehen kann, plant 1906 eine neue illustrierte Ausgabe der Erzählungen. 1907 kommt es zu einer Kündigung des Verlagsvertrages, 1908/1909 einigt man sich wieder. Der Verlagsvertrag ist, wie Krais seinem Cousin Fehsenfeld nachweist, wiederum zum Nachteil des Verlegers. Doch man bleibt beinander.

Die enge Bindung Fehsenfelds an May verhinderte wohl auch, dass er sich nicht entschließen konnte, mehr als nur Robert Krafts „Ein moderner Lederstrumpf“ in Verlag zu nehmen.

 

VII. Auflagen und Ausgaben bei Fehsenfeld

Mays Werke haben zwar nach 1907 bis 1910 höhere Auflagenziffern, weil in dieser Zeit neben der kleinformatigen Standardausgabe die blauen illustrierten Ausgaben erscheinen. Doch die Verkäufe sind weiterhin nicht gut. Das liegt daran, dass die Prozesse namentlich mit Lebius sich als wirksame Verleumdungskampagne erweisen. Schließlich verbietet der einflussreiche Borromäusverein den Ankauf seiner Werke. 1910 muss May mit dem immer mehr ins Minus geratenden Fehsenfeld eine neue Honorarregelung treffen:

Er bekommt nicht mehr 50 Pfennige pro Band, sondern 35 bis auf Widerruf. Bei Fehsenfeld erscheint Mays Autobiografie „Mein Leben und Streben. Band 1“. Aber eine einstweilige Verfügung, von Lebius erwirkt, stoppt den Band gleich Anfang 1911.

1911 werden noch 77.000 Bände neu gedruckt, 1911 sind es noch 36.000, und die Talfahrt geht weiter. 1911 finden Prüfungen und Verhandlungen statt, der Leipziger Verleger Grethlein & Co., Curt Hauschild, soll den Verlag von Fehsenfeld übernehmen. Aber die Verhandlungen scheitern, wohl an Fehsenfelds Kaufpreisforderungen.

May, durch prozessuale Siege, vor allem gegen Lebius, wieder erstarkt, stirbt im Frühjahr 1912. Fehsenfeld kündigt sogleich eine bearbeitete Ausgabe von „Mein Leben und Streben“ an. Ab er auch diese Ausgabe wird, diesmal von Mays früherem Prozessgegner, Rechtsanwalt Oskar Gerlach, 1912 verhindert. Ende Dezember wird die Ausgabe vom Landgericht Dresden doch wieder frei gegeben.

 

VIII. Fehsenfeld, der Nachlass und die Gründung des „Stiftungsverlages“ - Von Freiburg nach Radebeul

Klara May, von May als Alleinerbin in einem komplizierten Testaments- und Erbfolgeregelung 1902 und 19o8 eingesetzt, kündigte, kaum drei Monate nach Mays Tod, den Verlagsvertrag mit Fehsenfeld. Sie nahm mit Euchar Albrecht Schmid Kontakt auf, der zu May schon seit einigen Jahren gute Beziehungen unterhielt und als Redakteur bei der Allianz in Stuttgart tätig war. Mays Testament sah vor: Klara May wird Alleinerbin.

Eine Karl – May- Stiftung soll Einkünfte aus seinen Werken notleidenden Autoren zukommen. Sollte Klara May wieder heiraten, soll das Erbe der Stiftung zufallen. Die Nachlass-Situation ist kompliziert. Fehsenfeld, ohnehin stark belastet, durch Umsatzrückgänge und schwer verkäufliche Lagerbestände zusätzlich an einem Befreiungsschlag interessiert, einigt sich mit Klara May und Euchar Schmid in einem Vertrag: Am 1. Juli 1913 kommt es zur Gründung des Verlags der „Karl May-Stiftung Fehsenfeld & Co OHG“ mit Sitz in Radebeul. Geschäftsführer wird Euchar Schmidt, Klara May bringt ihre Autoren-Rechte und ein nominelles Kapital ein, Fehsenfeld das Buchlager und die Verlagsrechte. Eine genaue Analyse des Vertragswerks zeigt die Interessenlagen:

Klara May geht es um eine Weiterführung der Ausgaben. Sie erwartet von Fehsenfeld, zu dem sie jedenfalls in den letzten Jahren kein gutes Verhältnis mehr hatte, für die Zukunft wenig. Sie lässt Euchar Schmid weitgehend freie Hand, obwohl sich in der Folge erhebliche Kontroversen ergeben sollten. Fehsenfeld will das Obligo loswerden und Investitionen kassieren. Das lässt sich aus dem OHG-Vertrag gut ablesen, auch die Bewertung der Buchbestände. Letztlich ist das kein Stiftungsvertrag im Sinne von Mays Regelung. Klara May geht es um das Erbe und die Rehabilitierung Mays. Sie ist nicht zimperlich, wenn es um Bearbeitungen geht oder um Verfälschungen der Biografie, um Vernichtung von belastenden Akten. Schon die Bezeichnung und der Inhalt waren trickreich, denn als Stiftung konnte dieser Stiftungsverlag nicht gelten. Ich übergehe die komplexen Rechtsprobleme. Denn am 1.1.1915 wird aus diesem Projekt der Karl – May-Verlag Fehsenfeld & Co GmbH in Radebeul. Unabhängig davon besteht die May-Stiftung, die aber keine besondere Bedeutung erlangt.

 

IX. Fehsenfeld in Freiburg.

Der May-Verlag in Radebeul Fehsenfeld betreibt seinen Verlag in Freiburg weiter. Er wird, wie es der Vertrag mit ihm vorsieht, nach und nach ausbezahlt, er scheidet aus dem Radebeuler Unternehmen 1921 aus. 1933 nach seinem Tode wird der Verlag an den List-Verlag verkauft.

Im Freiburger Fehsenfeld-Verlag erscheinen noch Bände aus der Reihe „Die Welt der Fahrten und Abenteuer“, vor allem Kiplings „Dschungelbuch“, bis 1931 in einer Auflage von 120 000, die Zeitschrift „Alemannia“, Werke seines Schwiegersohnes Konrad Günther, ein früher engagierter Naturschützer. Aber die Geschichte des Verlages nach 1912 ist für das Werk Mays und für das Verhältnis des Autors zu seinem großen erfolgreichen Verleger seit 1891 nicht mehr von Belang, auch nicht regionalgeschichtlich.

 

X. May und Fehsenfeld im literarischen Feld. Ein Fazit

Wie lässt sich die Position der beiden Protagonisten im literarischen, im kulturellen Feld abschließend beschreiben? Wie verhält sich Karl May, wie verhält sich Fehsenfeld, wie entwickelt sich ihre Beziehung? Gewiss ist die persönliche Beziehung von Belang. Sie lässt sich aus dem Briefwechsel gut ablesen. Mich interessiert – wie auch bei den Verlagen Münchmeyer, Spemann, Pustet – die Entwicklung der Position im Verhältnis Autor-Verleger innerhalb des literarischen Feldes. Das ist zunächst die Kolportage. Rechts-, buch.- und verlagsgeschichtlich ist die Kolportage und ihr Vertrieb eine wichtige Basis für Mays Existenz und seinen Aufstieg als Autor gewesen. Das System des Lieferungsvertriebs im Abonnement bot den Verlegern eine solide Kalkulationsbasis. Sie erreichten außerdem neue Käuferschichten, im letzten Drittel des 19.Jahrhunderts ländliche und kleinstädtische Mittelschichten, Angehörige der Unterschichten in Industrie und häuslichen Diensten. Periodika wurden über Kolportage vertrieben, z.B. „Gartenlaube“, „Über Land und Meer“, neben Sammelwerken vor allem auch speziell für die Kolportage hergestellte Artikel wie Kalender, Kolportageromane. Die Vertriebsstrategie war geschickt: Gratisexemplare zu Anfang, dann sinkende Zahl kostenloser Exemplare. Die Autoren wurden bescheiden entlohnt. Auch May musste sich trotz Begabung, immensen Fleißes und unerschöpflicher Fantasie, seiner profunden Leserkenntnis sich mit Zeilen- und Seitenhonoraren mehr schlecht als recht durchkämpfen. Das umfaßt die Periode 1875 bis 1891. Darin unterscheidet er sich nicht vom Gros der Autoren in diesem Feld.

 

May gehört zu den Autoren, deren Fortsetzungsromane zunächst in Familienblättern erfolgreich waren. Prototyp ist z.B. die „Gartenlaube“. Der „Deutsche Hausschatz“ auf der katholischen Seite wird in den 90ger Jahren mit 30.000 relativ hohe Auflagenzahlen erreichen. Reinhard Wittmann kommt bei der Analyse des Buchmarkts der Gründerzeit zu dem Fazit: „Der Trend zum Trivialen verband das kolportagekonsumierende Dienstmädchen mit dem preußischen König – ein eindrucksvoller Beweis für die Homogenisierung des literarischen Geschmacks, die kulturelle Assimilation aller Schichten, und, wenn man will, auch für die „Demokratisierung des Lesens“ (S.270). Die Kolportage als Vertriebsinstrument spielt eben anfangs bei Fehsenfeld noch eine bedeutsame Rolle. Das Produktionsvolumen im Buchwesen steigt in den 90ger Jahren erheblich an. Der Buchmarkt teilt sich ins sog. Kultur- und ins sog. Massenbuch. Konzentrationen finden statt: Kröner in Stuttgart übernimmt die „Gartenlaube“, dann Cotta, Schönlein, dann 1890 auch Spemann und 1890 wird daraus die Union DVA AG. Fehsenfeld beweist seinen verlegerischen Instinkt auch mit seinen Entscheidungen für anderen interessante, vor allem ausländische Autoren. Aber die Vertrags- und Verlagskonstruktion mit May bringt ihn nach der Jahrhundertwende an den Rand des Ruins. (Dass er wie mir sein Enkel Ekke Günther berichtet hat, die Inflation nicht verstand und falsche Entscheidungen traf, und zudem mit seinen Grundstücksspekulationen in Freiburg und Umgebung vielleicht nicht immer die glücklichste Hand hatte, ist ein anderes Thema.)

Als Verleger war er gewiss nicht der größte in Baden, auch nicht von Dauer kein Vergleich zum langen Atem etwa der Verlage Herder oder C.F. Müller, aber immerhin einer derjenigen, der zu einem bestimmten Zeitpunkt und mit seiner glücklichen, grandiosen Entscheidung für May und dessen Werke einen Grundstein gelegt hat für einen nach hunderttausenden und inzwischen nach Millionen zählenden weltweiten Weg eines Autors. May und Fehsenfeld: das war eine für wenige Jahre dauerhafte beispiellose Erfolgsstory. Daran hatte Fehsenfeld sicherlich über viele Jahre hinweg keinen geringen, meines Erachtens lange unterschätzten Anteil. Über die Wandlungen der Positionen im literarischen Feld hinaus, hier nur zu skizzieren, hat sich posthum durch das verlegerische Genie Euchar Schmids, kein Kurzstrecken - , sondern ein Marathonläufer, eine neue Verlagsdynastie und ein anderes Verhältnis zu May und seinem Publikum entwickelt. Doch das ist ein neues Thema, welches das May-Jahr 1912 noch in mancher Beziehung beschäftigen wird.

DISKUSSION

Prof. Krimm: Ich freue mich auf die Diskussion, da es immer faszinierend sein kann, Biografien und Einzelphänomene in ihren kulturgeschichtlichen Kontext zu stellen. In den beiden Gestalten, Fehsenfeld wie Karl May, lernen wir die Gesellschaft des späten wilhelminischen Zeitalters kennen – aber wo sind die beiden repräsentativ und wo sehen wir eher das besondere Einzelschicksal, das Einzelprofil?

 

Dr. Vogt: Ich habe zu diesen Ausgaben von Fehsenfeld folgende Frage: Ich besitze zwei Bände aus den "Reisen", das ist von Kipling das Dschungelbuch und ein weiteres, die genau aussehen wie die Karl May-Bände, nur nicht in grün, sondern in braun. Da hat er dieses Layout und die Verfassung alles noch übernommen. Dann gibt es aber die fehsenfeldschen Ausgaben, die grünen. Dann gibt es die blauen mit Sascha Schneiders Titelbild, auch hier das gleiche Format, gleicher Satzspiegel. Und dann gibt es noch die illustrierte Ausgabe, ich habe hier zwei Exemplare dabei, das ist einmal die grüne Erstausgabe von „Schluchten des Balkan“, und das zweite, praktisch ein ungelesenes Exemplar von „Im Reiche des silbernen Löwen“, und das ist bei Fehsenfeld 1911 erschienen, also diese illustrierte Ausgabe. Alles, diese 32 Bände, waren dann die gesammelten Reise-Erzählungen oder Reise-Romane, je nachdem ist es unterschiedlich aufgeführt. Können Sie dazu noch was sagen. Mich wundert es eben, dass 1911 bei Fehsenfeld in Freiburg diese Reihe noch erschienen ist.

 

Dr. Götz v.Olenhusen: Sie meinen jetzt aus der Reihe die 32 Romane? Da muss ich jetzt aus dem Gedächtnis sagen, wenn ich das richtig erinnere war es so, dass Fehsenfeld noch einige Exemplare zurückbehalten hatte. Als er dann 1912 den Verlag eigentlich abgegeben hat, blieben doch noch einige Exemplare bei ihm, und die hat er dann entweder nochmals aufgebunden oder noch einmal neu verbreitet. Das war nicht so ganz koscher, weil ja eigentlich die Sachen in Radebeul erscheinen sollten. Der Euchar Schmid wollte eigentlich, dass alles in Radebeul erscheint. Aber der Fehsenfeld hat sozusagen unter der Hand noch weiter verkauft. Und wenn ich das richtig erinnere, hat das den Grund, dass er da ein bisschen gegen den Gesellschaftsvertrag verstoßen und noch ein wenig Geschäft gemacht hat. Das ist, glaube ich, der Hintergrund. Man müsste aber vielleicht einmal die ganz intimen Kenner, Hermesmeier und Schmatz fragen, die sind die großen Kenner der verschiedenen Ausgaben. Sie haben ja auch eine große Bibliografie darüber gemacht.

 

Frau Roellecke: Karl May hat ja ein Buch geschrieben mit dem schönen Titel „Ich“. Wo gehört denn das hin? In welche Reihe?

 

Dr. Götz v.Olenhusen: Ja, das ist ja auch ein etwas späterer Titel, so um 1908, in der Reihe der autobiografischen Schriften. Der von mir vorhin erwähnte Titel „Freuden und Leiden eines Vielgelesenen“ aus dem Jahre 1896 gilt immer als die erste autobiografische Schrift. Das ist aber alles Quatsch, weil er ja wirklich alles nur erfunden hat. Das ist eigentlich eine pseudoautobiografische Reportage über sein eigenes Leben in Radebeul. Und „Ich“, und nachher dann auch seine Autobiografie „Mein Leben und Streben“, das sind natürlich Versuche, sich selber zu rechtfertigen. Er versucht sozusagen eine Art Beichte abzulegen, eine öffentliche Beichte, sozusagen als Befreiungsschlag aus diesem Kampf, den er über Jahre hinweg gegen eine Vielzahl von Gegnern führte, um da herauszukommen, wobei „Mein Leben und Streben“, das muss man gleich sagen, sofort mit einer Einstweiligen Verfügung verboten worden ist. Der Herr Lebius hat das sofort verboten. Dann wurde es aber in Dresden wieder freigegeben. Und dann hat der Rechtsanwalt von Lebius, Dr. Gerlach, wieder eine Einstweilige Verfügung beantragt, darauf war es wieder verboten. Und erst als May dann gestorben war, wurde das dann etwas purgiert und wurde eine neue Ausgabe gemacht. In diesem Jahre wird in der Historisch Kritischen Ausgabe (sie besteht aus mehr als 99 Karl May-Bänden, so viel sind geplant) auch „Mein Leben und Streben“ erscheinen. Dies ist eine sehr gute Edition, in der die autobiografischen Schriften erscheinen, Herr Zeilinger, der Vorsitzende der Karl May-Gesellschaft, gibt das heraus. Der Band ist auch schon bearbeitet. Ich habe mit dem Bearbeiter schon gesprochen, das ist eine hervorragende Edition, die das Ganze auch in einen historischen Zusammenhang stellt, wo man dann auch sehen kann, wie er selber mit seiner Vergangenheit umgeht, also auch mit seiner kriminellen Vergangenheit und wie er versucht, sie zu rechtfertigen und zu erklären. Gerade weil Sie nach „Ich“ fragen: in dieser Zeit sieht er sich selber auch als Psychologe. Er schreibt "ich bin Psychologe. Ich schreibe nicht nur Predigten, sondern auch psychologische Bücher", was nicht ganz unzutreffend ist. Er hat sich da ganz gut ausgekannt, wenn man sich da seine Bibliothek anguckt, er hatte ja eine erstaunliche Bibliothek mit auch äußerst interessanten Werken, nicht nur okkultistische und spiritistische Bücher, sondern eben auch Reisebeschreibungen und alles Mögliche. Aber „Ich“ gehört sozusagen in diese Reihe.

 

Prof. Schwarzmaier: Ich habe eigentlich zwei Fragen, die beide etwas grundsätzlicher Natur sind. Die eine vorweg, weil sie ganz an den Anfang Ihres Vortrages hinführt. Mir ist nicht ganz klar geworden, wie eigentlich die beiden, wie Fehsenfeld und Karl May zusammengekommen sind, im Jahr 1889/90. Was müssen eigentlich hier für Vorgänge vorausgesetzt werden, um diese beiden nun ausgerechnet in Freiburg zusammenzubringen. Oder um die Frage anders zu formulieren: Hat eigentlich Fehsenfeld von Karl May gewusst, dass seine Abenteuerromane, die er geschrieben hat und die ihm vorlagen, reine Erfindungen sind? Oder war er der Auffassung, dass seien nun wirklich echte Erlebnisse, so wie sie Karl May in seinen früheren Romanen geschildert hat. Ist er also letztlich von einer grundfalschen Voraussetzung ausgegangen, als er dieses Verhältnis zu Karl May angebahnt hat? Die andere Frage hat Herr Krimm eigentlich schon angedeutet im Hinblick auf die badische Verlagslandschaft. Wenn man von Karlsruhe ausgeht, dann haben wir hier ja ganz renommierte Verlage, wir haben Maklot, wir haben Müller & Gräff, wir haben C.F. Müller, also die Verlage, die alle schon seit 1800 bestanden haben oder kurz vor 1800 begonnen haben mit ihrer Arbeit und die hier in der Residenz typische Residenzverlage geworden sind. In Freiburg sieht die Situation ja anders aus. Und was mich dabei wundert, ist gerade diese Situation, dass Karl May in diesen Freiburger Verlag gegangen ist, in dieser katholischen Stadt, wo sich also zwei Protestanten getroffen haben: Karl May und Fehsenfeld. Und beide haben in Freiburg ganz offensichtlich eine mich sehr merkwürdig berührende katholische Wendung genommen, die offensichtlich auch dazu geführt hat, dass die beiden in Freiburg, das damals wirklich noch eine sehr starke katholische Dominanz gehabt hat, nicht nur durch das Erzbistum, nun eine so starke Akzeptanz gefunden haben. Dies ist eine Frage die mir doch etwas unklar geblieben ist.

 

Dr. Götz v.Olenhusen: Ja das ist rätselhaft. Sie haben vollkommen Recht. Das ist also eine sehr spannende Frage, der man nachgehen muss. Und die, auch wenn man sich die Literatur anguckt oder das was bisher dazu veröffentlicht worden ist, für mich auch nicht ganz zweifelsfrei geklärt worden ist. Ich habe eine These, die zunächst mal davon ausgeht, dass dieser von Fehsenfeld im Jahre 1933 in seinen kurzen Erinnerungen aufgebaute Gründungsmythos, dass das auch eine retrospektive Erfindung war. Denn der Fehsenfeld hat gesagt: „Ich habe irgendwann mal im deutschen Hausschatz diese schönen Erzählungen gesehen und dann habe ich die große Idee gehabt, das muss ich zusammenfassen und es dem deutschen Volke als zusammengefaßtes Werk schenken“. Und deswegen hätte er dem Karl May nach Radebeul geschrieben um zu sagen, ich möchte gerne ihr Verleger werden. Den Brief von Fehsenfeld haben wir leider nicht, der stammt so etwa aus dem Frühjahr oder Sommer 1891. Der May hat erst mal vier Monate gar nicht geantwortet. Schließlich hat er ihn eingeladen und dann ist der Fehsenfeld hingereist und sie haben sich am Bahnhof getroffen. Und dann hat der May gesagt, so muss mein Verleger aussehen. Da haben die sich irgendwie gut verstanden. Also es war sicherlich, wenn man die Briefe liest, eine gewisse Männerfreudschaft da, die beiden haben sich irgendwie gut verstanden, sie haben gerne Karten gespielt und Wein getrunken und gemeinsam geraucht. Also es war eine richtige, sicherlich freundschaftliche Beziehung über viele, viele Jahre hinweg unter Einbeziehung auch der Familien. Das ist das Eine. Dass Fehsenfeld das geglaubt hat, mindestens bis Ende des Jahrhunderts, davon bin ich überzeugt. Dann wird er sicherlich langsam seine Zweifel bekommen haben, das wird man wohl annehmen können. Er hat aber nie Zweifel geäußert, dass diese erfundenen Geschichten erfunden seien. Das ist mal das Eine, die Sache ist schwierig. Ihre Frage, also dieses Rätsel, warum kommen diese beiden denn in Freiburg zusammen, der sächsische Protestant und der ebenfalls aus in einem protestantischen Hause, einem sehr literarischen Hause stammende Fehsenfeld, der ja aus der Nähe von Göttingen kam, in Berlin aufgewachsen ist, also ein hochgebildeter Mann? Ich glaube, dass der May zu diesem Zeitpunkt unbedingt einen Verleger suchte, der Bücher für ihn verlegte. Er strebte nach Höherem. Wenn Sie sich den Briefwechsel mit Pustet angucken, den ich mir jetzt beschafft habe und der großen Teils noch nicht veröffentlicht ist, also mit dem katholischen Verleger Pustet und auch mit Spemann und mit Kürschner und so weiter, also mit allen Verlegern, mit denen Karl May in den 80er Jahren zu tun hatte, dann fällt auf, dass er mit Spemann einen Vertrag Ende 1888 gemacht hat, das war ein Exklusivvertrag. Da stand drinnen: Ich, Spemann, darf alles verlegen, was du veröffentlichst. Ein Exklusivvertrag wie gesagt. In der gleichen Zeit aber veröffentlicht er weiter bei Pustet, bei Bensinger-Einsiedeln, überall veröffentlich er, und dann unter Pseudonym auch für Kürschner. Der Kürschner wusste genau, weil er bei Spemann Verlagsleiter war, dass er mit diesem einen Exklusivvertrag hatte, und der Fehsenfeld wusste es übrigens auch. Es ist ein Rätsel warum keiner von denen gekommen ist und gesagt hat, du veröffentlichst ja überall, das darfst du gar nicht, du musst alles uns anbieten. Da gibt es einige Anhaltspunkte, dass keiner von diesen anderen Verlegern ihm wirklich gute Buchangebote machte, und Fehsenfeld war der erste der sagte, ich mache jetzt Bücher, und zwar richtige schöne, große, gute Bücher. Und er ging dann Mays Idee ein, wir verkaufen das nicht nur als ordentliche Buchhandelsausgaben, wir verkaufen das auch als Kolportage, also sozusagen als Dreißigpfennighefte. Also das ist eine ganz schwierige Sache, denn es gibt nicht genügend Dokumente darüber. Aber es spricht einiges dafür, dass dieser ganze Gründungsmythos ganz reale wirtschaftliche Hintergründe hatte. Und dazu kommt noch Folgendes: Die Bücher bei Spemann, diese Jugendbücher, also „Schatz im Silbersee“ und andere Bücher, die ja bei Spemann schon gedruckt waren, die kosteten sieben Mark. Und der Fehsenfeld kommt sozusagen mit der Kolportage, also fast wie so ein Taschenbuchverleger, und macht eine Zweitverwertung. Das war für May interessant. Aber es löst immer noch nicht das Rätsel. Und das greift auch die Frage auf, die Sie gestellt haben: Wie kommt es, dass das in dieser Zeit so nach oben stößt? Dass also sozusagen ein Autor, der diese katholische Richtung in seinem Werk, und dann immer so das "germanische Heldentum im Wilden Westen" vertritt, einen solchen extremen Erfolg hat. Natürlich spielt der Zeitgeist eine große Rolle, die sozialen Verhältnisse. Dieses Umfeld ist wohl von großer Bedeutung, und Sie haben vollkommen zu Recht darauf hingewiesen, dass die Verlagslandschaft hier im Südwesten, in Karlsruhe oder auch in Freiburg, so war, dass man sich schon wundern muss, dass da plötzlich so ein absoluter Verlagsneuling hochkam, der außer einer buchhändlerischen guten Erfahrung und einer großen Bildung eigentlich nicht viel vorzuweisen hatte, der auch finanziell nicht gut ausgestattet war und gar kein Programm hatte. Dass der plötzlich sich einen potenziellen Bestsellerautor an Land zieht, das ist schon ein Phänomen, und es ist auch ein bisschen rätselhaft.

 

Frau Roellecke: Meine Frage, wie kam er denn aus dem Exklusivvertrag mit Spemann wieder raus?

 

Dr. Götz v.Olenhusen: Das ist auch merkwürdig. Der May war ganz clever, der hat dem Spemann immer vorgemacht, du bekommst von mir einen großen Waldläuferroman, den er übrigens nie geschrieben hat, er hat ihn immer hingehalten, doch der Spemann hat, soweit ich das jetzt rausgekriegt habe, immer darauf gehofft. Und 1896 kommt dann der Spemann und droht mit einem Prozess. Da haben die sich in Stuttgart getroffen und dann ist, ohne das es darüber Unterlagen gibt, komischerweise dieser Exklusivertrag neun Jahre später ad acta gelegt worden. Man weiß nicht warum. Man kann nur sagen, er hat den Vertrag immerzu gebrochen und hat überall seine Bücher publiziert. Man muss natürlich eines sagen, vielleicht ist das auch eine Erklärung: Als er plötzlich so im Jahre 1893/94 ein Bestsellerautor war, da hat natürlich der Spemann gesehen, der hat ja auch für ihn noch geschrieben, Pustet genauso, der zwar keinen Exklusivvertrag hatte. Aber da war jeder scharf drauf, dass er vom dem noch einen Titel, also noch Bücher bekam. Man muss, das habe ich vorhin vergessen zu erwähnen, hinzufügen, dass May ja auch für die Marienkalender schrieb. Die erschienen bei Pustet und bei Bensinger- Einsiedeln. Der Deutsche Hausschatz hatte eine Auflage von etwa 30.000, also das war so die Größenordnung wie so eine Familienzeitschrift, und das war nicht einmal die Beste. Die Gartenlaube hatte ja viel höhere Auflagen. Aber die Marienkalender, das habe ich jetzt unlängst mal nachgeguckt was die für Auflagen hatten, und da ist mir auch klar geworden, warum die anderen Verlage an den Buchausgaben gar kein Interesse hatten, die Marienkalender hatten eine Auflage von 600.000. Also das ging wie warme Semmeln. Das ist die wirtschaftliche Situation, und in dem Zusammenhang kommt man vielleicht schon auf Erklärungen, die plausibler sind, aber die natürlich auch nicht hundertprozentig stimmen.

 

Dr.Vogt: Ich habe noch mal eine Frage zu dem Urheberrecht. Die ganzen Romane, diese 32 Bände, zumindest bis zum Band 25 „Am Jenseits“, sind doch Romane, die alle schon einmal erschienen sind, zum Teil sogar schon mehrfach. Haben die, der Hausschatz und andere, nicht versucht, auch an diesem zu profitieren? Haben sie einfach dem Fehsenfeld erlaubt, diese Romane, die bei ihnen schon einmal erschienen sind, wieder neu zu schreiben? Das ist die erste Frage. Dann die zweite Frage: Er fängt ja an, jetzt die Romane durchzunummerieren, und da ist Nummer eins nicht das Älteste, sondern er sagt, er hat als ersten Band „Durch die Wüste“ genommen, weil es ja sein Leben beschreibt. Er fängt ja in der Wüste an und arbeitet sich dann empor zum Licht. Und dann wäre der 30. Band „Und Friede auf Erden“. Stimmt das mit der Geschichte, dass er den Auftrag hatte für einen großen Bildband über China, der also nach der deutschen Expedition nach Peking und dem Ersatzheer, das die Gesandtschaft befreit hat, dass er da einen martialischen Roman über deutsches Heldentum schreiben sollte, und er hat dann einen pazifistischen Roman geschrieben?

 

Dr. Götz v.Olenhusen : Ja das stimmt. Die erste Frage erklärt sich vielleicht dadurch, dass er mit den Zeitschriftenverlegern so verblieben war, dass er normalerweise eine Karenzzeit von zwei Jahren hatte. Wenn der Titel in der Zeitschrift erschienen war, konnte er ihn nach zwei Jahren als Buch veröffentlichen. Da hat er sich zum Teil auch nicht drangehalten. Also das war so ein bisschen die Grundregel. Das zweite: „In Terra Pax“, das ist ja der Roman, dieses Buch über den Boxeraufstand. Da hat Kürschner, mit dem er ja schon 1888 und so weiter Kontakt hatte, um 1900 dieses etwas martialische Werk herausgebracht, und dann hat er bei Karl May eben diese chinesische Geschichte bestellt, und dieser hat ihm eben eine Friedensgeschichte geschrieben. Da war der Kürschner natürlich total entsetzt. Wenn Sie sich den Band angucken, dann werden Sie feststellen, dass es da so ein kleines Vorwort gibt, wo der Kürschner dazu schreibt, der Band sei ja nicht ganz so ausgefallen wie er ihn sich vorgestellt habe. Also er hat den Kürschner da geleimt. Doch der hat sich auch nicht davon abhalten lassen, denn da kam vom Verlag noch jemand angereist und wollte May davon überzeugen, dass er doch eine „hurrapatriotische“ Geschichte schreiben sollte. Es hat aber nichts genützt, er ist dabeigeblieben und hat diese Friedensbotschaft verkündet. Das war die Zeit, in der er auf diesem Trip war.

 

Frau Schwarzmaier: Ich habe eine Frage zum Publikum, das die Romane gelesen hat. Das Leserpublikum dieser Zeit hat sich ja durchaus erweitert, das Lesebedürfnis ist auch in den unteren Schichten größer geworden und auch die bürgerliche Schicht hatte ein sich differenzierendes Verhältnis zum Buch. Wer also hat die Bücher gelesen?

 

Dr. Götz v.Olenhusen: Eine schwer zu beantwortende Frage. Bei dem Kolportageroman, auch bei Münchmeyer, da weiß man ja ungefähr, weiß man, dass das sozusagen die unterste Kiste war. Das war die sogenannte Dienstbotenliteratur, wie das Benjamin ja auch mal beschrieben hat. Aber danach, in den 70er und auch in den 80er Jahren, ist es dann großenteils, was da im „Guten Kamerad“ erscheint und auch im Hausschatz oder bei Spemann, das hat an Zugkraft gewonnen, es ist natürlich zum Teil Jugendbuch. Ein typisches Beispiel ist „Der Schatz im Silbersee“ und andere Romane, die bei Spemann erschienen sind und die auf den Jugendbuchmarkt gehen, auch auf jenen eines bürgerlichen Publikums. Ein Buch für sieben Mark, gut aufgemacht, das konnte sich ja kein Arbeiter leisten, das haben die sich bestenfalls einmal aus der Leihbibliothek geholt, wenn überhaupt. Und danach in den 90er Jahren wird das Ganze dann doch eher etwas, was sowohl von Jugendlichen und Erwachsenen gelesen wird. Das wird man wohl von der Resonanz her sagen müssen. Es ist nicht ganz leicht, das festzustellen, doch gibt es darüber ja Untersuchungen. Das Merkwürdige ist, das schreibt Wittmann auch in seiner Verlagsgeschichte, dass die Bücher sozusagen vom Kaiserhaus bis herab in die Gesindestuben gelesen wurden. Man kann dies sozusagen als Beispiel für eine „Demokratisierung in der Literatur“ ansehen. Das ist also schon eine ganz merkwürdige Verbindung, dass sozusagen durch alle Schichten geht.

 

Prof. Krimm: Ohne die Kolonialpolitik und die Weltmachtvorstellungen Wilhelms II. wäre die starke Rezeption der May’schen Werke in Deutschland nicht denkbar. Aber wie ist es mit Fehsenfeld? Kennt man irgendetwas über dessen politische Ausrichtung, seine Vorstellungen, seine Welterfahrungen, seinen geistigen Hintergrund? Sie haben ihn ja immer – im Gegensatz zu May – als nüchternen Geschäftsmann geschildert, der dann auch am Flug ins Exotische verzweifelt. Lassen sich seine eigenen politischen Überzeugungen fassen? Ist er sich bewusst, dass er hier einem Publikumsgeschmack huldigt, der eben vom Kaiser bis zum Dienstboten reicht? Ist ihm das so recht oder nimmt er es nur kaufmännisch wahr?

 

Dr. Götz v.Olenhusen: Also ich glaube, wenn man den Briefwechsel einmal als Grundlage nimmt, hatte er selber Spaß an diesen „Indianergeschichten“ an den „Abenteuergeschichten“. Er war ja selber so ein bisschen eine abenteuerliche Figur. Er war sehr sportlich, er war einer der ersten Radfahrer. Er hat einen Radfahrverein gegründet, es gibt dazu Bilder von ihm und seinen Töchtern. Das ist das eine. Und das zweite ist, das wird Sie sicherlich auch interessieren, sein Vater war ein 48er. Das heißt, und das wird auch immer wieder deutlich, er war überhaupt nicht religiös gesinnt, er war ein protestantischer Freisinniger. Und als Geschäftsmann hat ihn das inhaltlich gar nicht weiter interessiert, er hat das verkauft. Ich glaube nicht, dass er da eine besondere ideologische Nähe dazu hatte. Aber der war ja auch kein Revolutionär in dem Sinne, er war sicherlich monarchisch gesinnt.

 

Prof. Krimm: Also gibt es keine Quellen dafür?

 

Dr. Götz v.Olenhusen: Da findet man eigentlich nicht genug, um das so präzise beantworten zu können. Es gibt Quellen dazu, die zum Teil aus dem familiären Kreis stammen und die man auch quellenkritisch lesen muss, die aber interessant sind und auch sehr viel Wichtiges enthalten. Ich darf vielleicht noch einen Punkt erwähnen, der eine gewisse Rolle gespielt hat, und der vielleicht auch ein gewisses Licht wirft auf seine Beziehungen. Ich hatte ja vorhin schon erwähnt, dass der Karl May eine sehr starke spiritistische Neigung hatte, die aber noch viel stärker entwickelt war bei seiner Frau Emma und auch bei seiner zweiten Frau Klara. Man kann sagen über Jahrzehnte hinweg haben die ihre Séancen abgehalten. Darüber gibt es eine ganz gute Untersuchung vom Dieter Sawicki, dass dieser Haushalt, ja jede Lebensentscheidung sozusagen mit diesen Klopfgeistern abgesprochen wurde. Das ist nachgewiesen. Die Quellen kann man durchaus so verstehen. Das geht dann soweit, dass Karl May dem Fehsenfeld schreibt, "ja und übrigens haben wir neulich mal wieder mit ihrem Vater Kontakt gehabt bei einer Séance, da hat ihr Vater sich wieder positiv geäußert" oder so ähnlich. Und deswegen sei das und das wieder außerordentlich gut. Das hat den Fehsenfeld natürlich überhaupt nicht interessiert, der fand das ganz fürchterlich. Der hatte mit Spiritismus von seiner Grundanschauung her überhaupt nichts am Hut. Aber er hat es akzeptiert und hingenommen. Da gibt es Differenzen, aber man kann nicht sagen, dass das eine entscheidende Rolle in dieser Beziehung gespielt hat.

 

Frau Roellecke: Also ich denke mal, Ende des 19. Jahrhunderts da kam ja die Fotografie auf. Man fuhr nach Ägypten, hat schöne Bilder gemacht und hat sich diese Landschaften angeschaut, die dann auch bei Karl May zu finden waren. Ich kann mir sehr wohl vorstellen, dass die Leute das gerne gelesen haben, denn er beschreibt das ja ganz ausführlich und plastisch, so dass er selbst vielleicht nicht mal geglaubt hat, dass es erfunden ist. Und wenn er Spiritist war, dann hat er natürlich viel Phantasie gehabt, die genügte um das zu schreiben.

 

Dr. Götz v.Olenhusen: Da stimme ich Ihnen ganz zu, also wenn Sie lesen, was Bloch oder Gert Ueding, der Tübinger darüber schreibt: Die Landschaften bei Karl May als Fluchtlandschaften, oder eben auch, wie das bei Bloch steht, dieses Untergründige, Revolutionäre, was da so abgesunken ist, aber doch so im Untergrund noch wabert, eine Rolle spielt und attraktiv ist. Also so eine gewisse Ambivalenz ist da, das muss man sagen. Im Werk kommt der Spiritismus weniger vor, außer im Roman „Am Jenseits“, da finden Sie Swedenborg und die ganzen Dinge, die kommen schon da drinnen vor, oder auch bei „Ardistan und Dschinnistan“, da ist diese Mystik natürlich schon drinnen, aber vorher nicht. Aber Sie haben natürlich Recht, dass dieses Exotische und diese Landschaft schon eine gewisse Attraktion besaßen, gerade in den 90er Jahren. Und weil Sie das ja auch angesprochen haben, Herr Prof. Krimm, da ist mir noch eingefallen, dass er ja auch immer versucht hat, gewisse aktuelle Dinge aufzugreifen, z.Bsp. das Sklavenproblem, das war ja ganz bewusst gemacht, oder die Figur des Mahdi. Das waren ja aktuelle Phänomene, die er aufgegriffen hat, die waren gerade en Vogue, und dann hat er daraus einen Roman gemacht und hat das so auf sehr geschickte Weise verbogen. Der Mahdi-Roman greift ein aktuelles Thema auf, was in jeder Zeitung steht. Oder Krüger, der ist ja auch eine historische Figur, und ähnliche Figuren, die er dann zusammen aufnimmt, oder gerade das Sklavenproblem, in der „Sklavenkarawane“, oder der Mädchenhandel. Diese Dinge spielen dann plötzlich eine Rolle, die gerade in der großen Debatte sind, und das verarbeitet er. Das macht dann auch die Attraktivität von solchen Romanen aus. Das ist sicherlich eine der vielen Erklärungen, die man sich da vorstellen kann.

 

Prof. Krimm: Noch einmal zum Verleger Fehsenfeld. Sehr eindrucksvoll fand ich, dass er sich mit dem Druck der Bücher von Kipling, Stevenson und Jack London nach vorne gewagt hat. Und so wie Sie es dargestellt haben, könnte man fast formulieren, dass ohne das Karl-May-Kapitel die Rezeption dieser Klassiker des Exotischen nicht denkbar wäre. Das heißt, dass Karl May bei Fehsenfeld den Boden vorbereitet hat, um in Deutschland die Rezeption dieser drei Grundlageromane überhaupt zu ermöglichen. Ist das überspitzt?

 

Dr. Götz v.Olenhusen: Nein, ich glaube schon, dass das einen richtigen Kern trifft, wobei man natürlich sagen muss, Fehsenfeld hatte schwere Konkurrenten. Gerade bei Kipling oder bei Jack London hatte er Leute, die haben ihm das bald abgejagt. Das war nicht so ganz einfach, da nun exklusiv Übersetzungsverträge zu kriegen.

 

Prof. Krimm: Aber war er der erste in Deutschland?

 

Dr. Götz v.Olenhusen: Ich weiß nicht ob er da der allererste war. Aber ich meine, dass er mit zu den ersten gehörte, die diese wirklich bedeutenden Autoren herausgebracht haben. Ich glaube auch, aber darüber gibt es zu wenig Quellen, dass da der Curt Abel-Musgrave eine große Rolle gespielt hat, der viele von diesen Autoren übersetzt hat. Es gibt ja bis heute noch Übersetzungen von Curt Abel-Musgrave, gerade von Jack London und von Kipling und so weiter, die heute noch auf dem Markt sind. Das sind gute Übersetzungen. Ich glaube, er und sein Sohn sind nachher in die USA emigriert, er ist, glaube ich, 1938 gestorben. .

 

Prof. Krimm: Eine etwas gewagte Schlusskurve: Die Wendung von Karl May um 1900 zum Symbolistischen, zu Heilserwartung und Heilsbringung, ist ja immer wieder ein Rätsel. Fehsenfeld macht das mit, er übernimmt die Bilder von Sascha Schneider, auch wenn er darunter leidet und über die Unverkäuflichkeit seufzt. Er muss ja. Diese Wendung ins Symbolistische in die Zeit nach 1900 einzubetten, ist sicher eine Frage an die gesamtdeutsche Geistesgeschichte. In Baden begegnet sie einem auf ebenso schwer erträgliche Weise bei dem späten Hans Thoma. Kann man da Parallelen ziehen? Liegt es in der Atmosphäre, sich vom Boden abzuheben, vom Realismus zu lösen und zum prophetischen Künder werden zu wollen? Es war offenbar ein Bedürfnis der Generation vor dem Ersten Weltkrieg. Und auch wenn Fehsenfeld gejammert hat: es lag offenbar in der Luft.

 

Dr. Götz v.Olenhusen: Ich kann zu Thoma nichts sagen, dass fällt ein wenig aus meinem Blickfeld heraus. Eines ist aber vielleicht interessant. Es gibt ein biografisches Moment bei Karl May, warum er plötzlich seine Romane in dieser Form schreibt, und er gibt es, glaube ich, sogar auch zu. In „Ardistan und Dschinnistan“ und auch „Im Reich des Silberlöwen“, im dritten Band, da kleidet er seine ganze Umgebung in orientalische Gewänder. Wenn Sie das angucken, das sind eigentlich alles Schlüsselromane. Der eine ist sozusagen der orientalische „Fedor Mamroth“, der andere ist der Lebius, selbst der Verleger Fehsenfeld kommt vor und so weiter. Es besteht bei May selber eine starke Tendenz, seine eigenen Konflikte und seine biografischen Erlebnisse zu verarbeiten, ohne dass das die Zeitgenossen gemerkt haben.  

(Tonbandwechsel mit Textverlust). In diesem Spätwerk findet man Debatten über Gott und die Welt und philosophisch mehr oder weniger platte oder tiefsinnige Sentenzen. Der Verleger konnte einem da nur leid tun. Der war 1908 weitestgehend ruiniert, kann man sagen, und hat sich dann noch einigermaßen geschickt gerettet. Ich könnte mir auch gar keine Strategie vorstellen, wie man um 1900-1903 daraus eine Verkaufsstrategie hätte machen wollen.

 

Dr. Vogt: Also wenn man sich die Auflagenzahlen anschaut, dann merkt man, dass kaum noch jemand dies liest. In meinem Bekanntenkreis haben alle Karl May gelesen. Aber den Ardistan oder den Dschinnistan hat kaum jemand zumindest ganz gelesen, der hat es angefangen und weggelegt. Die Bücher von Karl May haben ja Auflagen von über einer Million. Aber bei Ardistan und Dschinnistan sind das immer ganz bescheidene Zahlen, und im "Silberlöwen" kommt ja diese Geschichte vor mit dem Wettlauf: Ist es edles Blut, das nur vermischt wurde oder ist es eine Schindmähre? Er sagt, das Pferd ist edles Blut. Da geht es um seinen Streit mit Münchmeyer, hat man seine Werke bei Münchmeyer verhunzt? Denn alles was schlimm und was unzüchtig ist, habe Münchmeyer reingeschrieben, Und er hat ja einen "edlen Roman" geschrieben. Das verarbeitet er alles in dem "Silberlöwen". Aber ich weiß auch, als Jugendlicher hat von uns niemand den "Silberlöwen" durchgearbeitet. Diese vier Bände sind immer stehen geblieben.

 

Dr. Götz v.Olnhusen: Das stimmt. Ich meine der Durchbruch kam tatsächlich mit Arno Schmidt, dass der plötzlich in Sitara und auch einer Reihe von Rundfunkessays und auch sonstigen Publikationen eine Lanze für den letzten Großmystiker gebrochen hat. Und auch, muss ich wirklich sagen, ein absolut exzellenter Maykenner war, ein Mayphilologe. Er wird zwar in der Karl May-Gemeinde außerordentlich verachtet und niedergemacht, aber ich finde trotzdem, er hat weitgehend recht. Es ist eine bedeutende philologisch- literarische Leistung von Arno Schmidt. Aber da haben Sie vollkommen Recht, es hat nicht dazu geführt, dass die Leute das gelesen haben. Der Uwe Schweikert hat mal einen Band herausgegeben mit hundert Statements wie man zu Karl May gekommen ist, und da hat er uns alle angeschrieben. Jeder hat dann ein kurzes Votum abgegeben "wie ist man Karl May Leser geworden?". Und da gibt es die Einen, die sind sozusagen in der frühen Jugend, die anderen über den Sitara hingekommen, manche über beides. Also ich gehöre zu beiden, deshalb, weil ich relativ früh auch Arno Schmidts Arbeiten zu Karl May und Jules Verne gelesen habe.

 

Prof. Krimm schließt die Diskussion und die Veranstaltung.



 
   
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